SURREALES SVALBARD

BC TOURING JUN 01, 2016

SURREALES SVALBARD

BC TOURING JUN 01, 2016

BC Touring

JUN 01, 2016

Wohnen auf einem Boot, eine Erstbefahrung um drei Uhr morgens, Rentier-Eintopf und eine Eisbären-Begegnung – Travis Ganong erzählt uns von „seiner Skisaison“:

Nach einer erfolgreichen Wintersaison und vielen Monaten unterwegs im Zuge der Audi FIS World Cup-Tour hatte ich 2015/16 tatsächlich schon ein paar wirklich geniale Skitage erlebt.

Doch irgendetwas fehlte: Während des ganzen Winters haben wir jedes Wochenende woanders ein wichtiges und ziemlich stressiges Rennen bestritten. Da ging es jedes Mal um viel Geld, TV-Kameras begleiteten jeden unserer Schritte und Tausende Fans standen an der Strecke, um uns zuzujubeln. Nach dem letzten Rennen wurde mir klar, dass „meine Skisaison“ jetzt erst richtig losging. Ich musste mal raus, auf Berge klettern und wieder mehr Zeit abseits der Fernsehkameras und dem ganzen Weltcup-Trubel im Schnee verbringen.  

Und an diesem Punkt der Geschichte kommt Axe Expeditions ins Spiel, ein ziemlich cooles Unternehmen hier in North Lake Tahoe, Kalifornien. Als ich wieder zu Hause war, bekam ich einen Anruf von Axe Expeditions und man schlugt mir einen Trip nach Svalbard Island vor: auf einem Schiff wohnen, bergsteigen, skifahren. Das war’s! Genau das brauchte ich jetzt, genau darauf hatte ich gewartet!

Fünf Tage später saß ich im Flieger nach Oslo. Von dort aus ging es dann weiter nach Svalbard, die nördlichste bewohnte Landmasse der Welt.

Ewiger Winter im Mai

Als wir am 10. Mai in Longbyarnen landeten, wurden wir direkt in den ewigen Winter zurückkatapultiert. Wir gingen an Bord der Arctica 2, eines massiven, fast 20 Meter langen Segelschiffs, das für die nächsten zwei Wochen unser Zuhause sein sollte, und nahmen Kurs auf die abgelegene, gebirgige Nordwestseite der Insel.  

Wer im Mai schon mal in der Arktis war, der weiß, wie merkwürdig sich die täglichen Abläufe irgendwann gestalten. Es ist 24 Stunden lang hell und man findet überall perfekte Bedingungen für sämtliche Abenteuer vor, egal wann man loslegen möchte. Die Grenzen der Zeit verschwammen zusehens – somit bestand unser Alltag bald nur noch aus Segeln, dem Erkunden der Fjorde, um fahrbare Lines zu finden, dem Fahren eben dieser Lines und aus Essen und Schlafen. 

Einmal gingen wir um 3:00 Uhr morgens auf Skitour, erreichten um 6:00 Uhr den Gipfel und waren pünktlich zum Abendessen um 8:00 Uhr früh wieder zurück. Und als die Bedingungen immer besser wurden, vergaß ich ganz, zu schlafen.

Ich wollte in diesem absoluten Ski-Paradies keine Sekunde verpassen: zerklüftete Couloirs und Gletschergipfel, die in endlose Fjorde mündeten; Wale, Robben, Eisbären, Polarfüchse und Millionen Vögel, wo auch immer man hinsah; weit und breit kein anderes Boot und keine Menschenseele, trotzdem waren wir nie alleine. Diese Gegend strotzte vor Leben.

Wir kamen so viel zum Skifahren wie nie. Normalerweise erkundet man erstmal die Berge des Gebiets, um zu sehen, wo und was man eventuell fahren könnte. Dann schaut man sich die entsprechenden Stellen genauer an und findet vielleicht einen schönen Felsen oder eine große Wechte am Gipfel. Nicht so in Svalbard. Hier konnte man praktisch alles fahren. Hier konnte man Wochen und Monate verbringen und keine Line zweimal fahren.

Travis Ganong
USA / Alpine Race

date of birth

July 14, 1988

home resort

SQUAW VALLEY

discipline

Super-G, Downhill

website

http://www.travis-ganong.com/

Rentiere und russische Kohlebergwerke

Unser Alltag vor Ort: surreal und schwer zu beschreiben. Als wir einmal mit Fellen durch ein wunderschönes, unverspurtes Tal aufstiegen, scheuchten wir aus Versehen ein paar Rentiere auf, die dann durch das Couloir, das wir uns eigentlich ausgesucht hatten, flüchteten. (Deshalb haben wir ihm den Namen „Double Reindeer Couloir“ gegeben).

Anderntags stolperten wir regelrecht über den verfallenen Vorposten eines russischen Kohlebergwerks und kamen an überlegensgroßen Stalin-Statuen und dem omnipräsenten Hammer-und-Sichel-Zeichen vorbei. Wir steckten dann sogar einige Zeit in dieser gottverlassenen Geisterstadt fest, weil es sich eine Eisbärenmutter mit ihren Jungen zwischen uns und dem Boot für ein Nickerchen bequem gemacht hatte.

An einem Nachmittag (oder Morgen, wer weiß das schon) legte sich der Wind und der vormals vereiste Fjord bekam eine glasiges Oberfläche. Also ging ich eine Runde Paddeln. Ganz schön furchteinflößend, so weit weg vom sicheren Boot alleine auf dem Wasser und in dem Wissen, dass ich, sollte ich kentern, in dem eiskalten Fjord nur ein paar Minuten überleben würde. Stürzen, kentern, unachtsam sein – keine gute Idee in meiner Situation! Und es dauerte nicht lange, bis eine riesige bärtige Robe auf mich aufmerksam wurde und mir neugierig folgte. Ist das wirklich passiert? Was das echt oder nur eine Illusion?

Auf den Geschmack gekommen

Abgesehen von diesen magischen Momenten sind wir richtig viel Ski gefahren. Der Powder in der Arktis ist echt nicht von schlechten Eltern. Und der Firn erst! Und selbst dieses vereiste Couloir mit 50 Grad Gefälle und nichts als dem blauen Ozean direkt unter uns und endlos hohen, schroffen Felsen zu beiden Seiten ließ sich besser fahren als jedes fiese, glatte Eisstück, das mir bis dato untergekommen war! Skifahren in Svalbard ist einfach das einzig Wahre.

Es ist schwer, adäquat zusammenzufassen, was wir in Svalbard erlebt haben. In jedem Fall war dieser Trip wie eine Verjüngungskur und das Ursprünglichste, was ich je erlebt habe. Und so wie ich es mir für das Ende „meiner Saison“ gewünscht hatte, konnte ich viele tolle Runs machen, bevor der lange heiße Sommer losging. Es hat wirklich gut getan, mich komplett zurückzuziehen und daran zu erinnern, warum Skifahren für mich das Größte ist! Und es hat mich motiviert, auch in der nächsten Saison meine Träume zu leben.

Wer weiß, vielleicht geht es ja kommenden Sommer zurück nach Svalbard. Da liegt noch viel perfekter Schnee, der unbedingt gefahren werden will.

#discoverthebackland #weareskiing