Sofia Goggia: Das Comeback des Jahres

ALPINE FEB 08, 2019 35219 views 10:45 mins

Sofia Goggia: Das Comeback des Jahres

ALPINE FEB 08, 2019
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Alpine

FEB 08, 2019

Tiefstapeln ist nicht Sofia Goggias Sache. Ganz im Gegenteil: Die 26-Jährige aus Bergamo (Italien) setzt gerne noch eins drauf. Kein Wunder also, dass sie am Tag nach ihrem ersten Abfahrts-Weltcupsieg in Jeongseon 2017 gleich noch einen Sieg im Super-G anhängte. Und 2018 gewann sie nicht nur olympisches Gold, sondern stach auch noch Lindsey Vonn im Weltcup aus. „Man muss die Messlatte immer ein bisschen höher legen,“ sagt sie, und ihre Augen glänzen.

Der Tag, an dem sie stürzte

Im Oktober 2018 war Sofia also ganz oben. Sie war bereit für die Weltcupsaison, in sehr guter Verfassung. Die Stunden vor dem Trainingslauf an jenem Tag waren stressig. Die Bedingungen waren nicht gut, das Wetter unpassend warm. Dann war sie am Start, alle Augen auf sie gerichtet gab sie 100 Prozent. Allerdings nicht mehr als das: „Ich bin nicht bis zum Äußersten gegangen.“

Doch dann, ein kleiner Fehler, ein verpasstes Tor, ein Sturz. „Es war in Wirklichkeit ein banaler Sturz“, sagt sie heute. Wohl wahr, er sah nicht spektakulär aus – und fühlte sich anfangs auch nicht so an: „Ich hatte keine Schmerzen. Aber mir war klar, dass etwas nicht stimmte.“ Als ob ein Stück ihres Beines fehlen würde.

Man fuhr ins Krankenhaus in Innsbruck. Ein gebrochener Knöchel, sie solle sich ausruhen. Nach dem Urteilsspruch war es still – „die Art von Stille, bei der einem kalt wird.“ Denn Sofia wusste, was das bedeutete: Sie würde einen wichtigen Teil der Weltcupsaison verpassen. Später, als sie allein war, weinte sie bitterlich.

“Die Einstellung, mit der man in eine Situation geht, macht den Unterschied aus. Und ich möchte einen Unterschied machen.”

Sofia Goggia

Heilungsprozess

Danach folgte eine Zeit der Anpassung. „Ich musste mir mein Leben in den nächsten Monaten komplett neu ausmalen.“ Wie sich herausstellte, lag viel harte Arbeit vor ihr. Aber die Physiotherapie bot ihr auch neue Perspektiven: „Dort ist es unkompliziert, weil ich einfach nur Sofia bin, und nicht die Olympiasiegerin.“ Die Verletzung machte ihr klar, dass sie ein Mensch wie alle anderen auch war. Und noch etwas wurde ihr klar: Wie wichtig die Unterstützung der Menschen rund um sie war. Ihr Physiotherapeut, der wie ein zweiter Vater für sie war und ihr half, wieder auf die Beine zu kommen. Der Teamarzt, der extra für ihre Nachuntersuchung aus Amerika anreiste. Ihr Vater, der ihre Karriere Schritt um Schritt mitverfolgt hatte. „Sie verletzt zu sehen war schrecklich“, sagt er. „Im Bruchteil einer Sekunde kann sich alles drehen.“ Ihre Familie ist Sofia sehr wichtig. „Sie haben mich lieb, ganz egal, ob ich Olympiagold gewinne oder am ersten Tor stürze.“ Es etwas langsamer anzugehen und Zeit in den sanften Hügeln und uralten Kopfsteinpflasterstraßen der Lombardei mit ihren Liebsten (und dazu gehört auch ihr Hund) zu verbringen, gibt ihr die Kraft, die sie braucht.​

Das Comeback

Nach all dem ist Sofia überzeugt, dass alles aus gutem Grund geschieht. „Die Einstellung, mit der man in eine Situation geht, macht den Unterschied aus. Und ich möchte einen Unterschied machen.“ Genau das tat sie auch, mit unglaublichen Ergebnissen: Im ersten Bewerb nach ihrer Rückkehr stand Sofia an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf dem Podium. Und diesmal machte sie einen Dreifacherfolg daraus: In Åre wurde sie kurz darauf Vizeweltmeisterin im Super-G. Sie erreichte, was wenige Monate zuvor noch komplett ungewiss war und legte das Comeback des Jahres hin. Wie macht sie das: das scheinbar Unmögliche erreichen? „Weil ich glaube, dass ich es kann“, sagt sie mit einem Lächeln. Da ist es wieder, das Glänzen in ihren Augen.​

#weareskiing