02.03.2012

BENJAMIN RAICH: „MICH TREIBT DIE BEGEISTERUNG“

Ausgesprochen. Atomic-All-Star Benjamin Raich hat fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Zweimal Olympiagold, drei Weltmeister-Titel, Gesamtweltcup, 36 Weltcuprennen. Zuletzt seinen ersten Super-G-Sieg in Crans Montana, fast genau ein Jahr nach dem Kreuzbandriss. Atomic bat Raich am Tag nach seinem 34. Geburtstag in Kvitfjell zum Interview. Exakt 5834 Tage nachdem hier in Norwegen die außergewöhnliche Weltcup-Karriere eines Außergewöhnlichen begann.

ATOMIC: Nachträglich Alles Gute zum Geburtstag. Zum Feiern hattest du ja wenig Zeit, oder?
BENJAMIN RAICH: Danke. Stimmt, ich bin im Flugzeug nach Oslo gesessen. Aber wir haben am Tag vor meiner Abreise im kleinen familiären Kreis daheim im Pitztal ein bisschen vorgefeiert. Gemütlich bei Kaffee und Kuchen. So mag ich’s am liebsten.

ATOMIC: Weißt du noch wo du am 10. März 1996, also vor 16 Jahren, warst?
RAICH: Ja, auch in Norwegen, wenige Kilometer von hier, in Hafjell am Slalomstart. Das war das große Ziel für mich in diesem Jahr. Der Junioren-Weltmeistertitel davor war zwar eine schöne Sache, aber für mich war es noch wichtiger im Weltcup dabei zu sein. Es war genial neben Tomba, Sykora und Stangassinger – mit dem ich das Zimmer geteilt habe – zu fahren, zu sehen, wie es die besten der Welt machen. Ich bin im ersten Lauf gar nicht schlecht gefahren, habe mich getraut ordentlich Gas zu geben. Leider hab ich knapp vor dem Ziel eingefädelt.

ATOMIC: Deine außergewöhnliche Karriere startete dann zwei Saisonen später mit dem Sieg in Schladming vor 50.000 Zuschauern, als du von Platz 23 ganz nach vorne gefahren bist. Hast du damals schon gewusst, was da alles auf dich zukommt?
RAICH: Ich kann mich noch genau an das Rennen erinnern. Ich war im ersten Lauf trotz der Platzierung nur 1,2 Sekunden zurück und als ich mit der Gondel rauf bin, habe ich mir gedacht, wenn du das jetzt g’scheit fährst, kannst du noch gewinnen. Das glaubt mir heute keiner mehr, aber ich habe mich ganz bewusst für diesen Sieg entschieden. Ich wusste, was auf mich zukommen würde, vor so vielen begeisterten Menschen und all den Journalisten und Medienvertretern den ersten Sieg zu feiern. Ich habe mich genau an dieser Stelle dafür entschieden, meine skifahrerischen Ziele mit aller Konsequenz zu verfolgen. Diese bewusste Entscheidung für eine Ski-Karriere mit all den Höhen und Tiefen hat sich für mich als Mensch immer gelohnt.

ATOMIC: Du hast dich nach so vielen Erfolgen zum ersten Mal in deiner Karriere im Vorjahr bei der WM in Garmisch schwer verletzt. Zufrieden mit deiner Comeback-Saison bisher?
RAICH: Die Verletzung war neu für mich, Gott sei Dank. Ich habe daraus viel gelernt und habe die Verletzung bestmöglich genutzt. Seit meiner Zeit im Stamser Skigymnasium habe ich immer Vollgas gegeben. Die Verletzung bedeutete Stop. Ich hatte Zeit zu reflektieren: Wo will ich hin, was war bis jetzt? Diese Erfahrung will ich nicht missen. Ich habe gewisse Sachen verändert in Bezug auf Material und auf meinen Körper. Wichtig war, dass ich geduldig geblieben bin und an meiner Sicherheit bei der Skitechnik gearbeitet habe. Es war und ist eine Übergangssaison, die sich in eine positive Richtung entwickelt hat. Der Sieg im Super-G war da bislang der Höhepunkt.

ATOMIC: Was treibt dich noch? Dein erster Sieg in der Abfahrt?
RAICH: Mich treibt die Begeisterung. Wenn man die verliert, kann man nicht mehr gut sein. Natürlich sind gute Voraussetzungen wichtig, um Ziele erreichen zu können. Aber um zu gewinnen, muss man den Willen haben, sich zu vergleichen, diese Challenge einzugehen. Das Training, der Weg dorthin, das liebe ich alles sehr. All das macht mir nach wie vor Spaß, deshalb bin ich auch dabei und deshalb habe ich auch Ziele. Die gehen mir nicht aus. Eines davon ist ein Abfahrtssieg. Das sieht zwar bei meinen derzeitigen Rückständen nicht sehr rosig aus, aber ich werde in der Vorbereitung auf die nächste Saison mehr Rücksicht auf die Abfahrt nehmen können. Und die neuen Taillierungen können mir dabei auch entgegen kommen, weil ja alle anderen materialmäßig auch wieder fast bei null anfangen.

ATOMIC: Du bist noch mit Slalom-Skiern gefahren die 193 Zentimeter lang waren, wie schwierig wird die Umstellung auf die neuen Taillierungen in den kommenden Saisonen?
RAICH: Einfach sind solche Materialumstellungen nie. Nur, wenn ich mich dagegen wehre und sage, das will ich nicht, das taugt mir nicht, dann habe ich schon verloren. Ich habe immer versucht offen zu bleiben, neues einfach auszuprobieren. Es waren zum Teil dramatische Veränderungen dabei, weil wir ja plötzlich mit Ski gefahren sind, die nur mehr 155 Zentimeter lang waren. Flexibilität ist wichtig, das verlangt der Sport, das verlangt das Leben für jeden von uns. Leben heißt für mich generell Veränderung.

ATOMIC: In einem hast du dich nie verändert, du bist immer schon Atomic gefahren: Warum?
RAICH: Atomic begleitet mich seit ich Tiroler Kinderskimeister geworden bin. Die Zusammenarbeit mit den Menschen, die dort arbeiten ist natürlich gewachsen. Meine Verbindungen zu Atomic sind deshalb so eng, weil konstant gut gearbeitet worden ist. Läufer, Entwickler, Serviceleute, Skibauer, Testfahrer – da arbeiten viele Fachleute gemeinsam an einem Ziel. Ich habe bei Atomic immer diese Begeisterung und den Willen zur Verbesserung gespürt. Wenn es einmal nicht gut lief, wurde sofort reagiert. Deshalb bin ich nie einen anderen Ski gefahren. Mittlerweile ist mein komplettes Ausrüstungspaket von Atomic – Helm, Brille, Schuhe, Bindung, einfach alles. Das Ziel ist für mich und Atomic immer dasselbe: wir wollen die Besten sein.